Fallstudie: Premiere Print E-mail
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Premiere ist das perfekte Negativbeispiel für Value Investing: grauenhafte Kennzahlen, ein fragwürdiges Management und keine Aussicht auf Besserung. Zudem übt mit Rupert Murdoch ein Großaktionär immensen Einfluss aus – das muss nicht zwingend zum Nachteil der Kleinaktionäre sein, aber mit Sicherheit auch nicht zu ihrem Vorteil.

1. Die Zahlen

Dass Premiere in den letzten Jahren fast ausschließlich Verluste geschrieben hat, ist eine Binsenweisheit. Und auch 2005, dem letzten Geschäftsjahr mit Gewinn, war die Eigenkapitalrendite mit nur rund 6% eher mager. Zwar rechnen Analysten für 2009 mit einem positiven Cashflow, aber trotz der jüngsten Kursstürze ist das KCV lächerlich hoch.

2. Das Management

Normalerweise ist es für einen Kleinaktionär sehr schwierig, das Management gut einzuschätzen. Wenn es sich aber grobe Schnitzer leistet wie bei Premiere, fällt es sehr leicht. Vor nicht allzu langer Zeit musste es zugeben, dass in der Kundendatenbank zahlreiche Ex-Kunden noch immer als Abonnenten gezählt wurden. Die Zahl der Abonnenten musste um ein Drittel nach unten korrigiert werden. Als Value-Investor sollte man sich von Unternehmen fernhalten, die dazu neigen, ihre Zahlen so dreist aufzupolieren. Hinzu kommt, dass der Vorstandsvorsitzende Mark Williams das Sicherheitsproblem völlig unterschätzt oder aber Premieres Chancenlosigkeit nicht eingestehen will: „Eine Grundvoraussetzung für zukünftiges Wachstum war das Schließen der Sicherheitslücke Anfang November.“ – siehe hierzu auch den folgenden Punkt.

3. Die Aussichten

Wie sich das Engagement von Rupert Murdoch auf Premiere auswirkt, ist unklar. Es kann für die Aktionäre von Vorteil sein, wenn er ein Angebot deutlich über Marktpreis macht – oder von Nachteil, wenn er Regularien und Finanzinstrumente zu seinem Vorteil nutzt. Beides ist schon häufig vorgekommen. Dass Murdoch kein Interesse daran hat, den Aktionären einen besonders hohen Preis anzubieten, ist aber klar.

Für die Betrachtung der Premiere AG als Negativbeispiel soll dies jedoch außer Acht gelassen werden. Wichtiger ist die Frage: Welche Chancen hat das Geschäftsmodell in der Zukunft? Dabei geht es nicht nur um die Nachfrage nach dem Produkt selbst. Als Unternehmen der Medienbranche hat Premiere auch mit „Schwarzsehern“ zu kämpfen, die das Produkt nutzen, ohne dafür zu zahlen.

Über die Entwicklung der Nachfrage nach Pay TV kann man geteilter Meinung sein: Während die einen auf das Ausland verweisen, wo Pay TV stellenweise eine sehr gewichtige Rolle einnehmen konnte, erinnern andere an den seit Jahren auf geringem Niveau stagnierenden Erfolg von Premiere in Deutschland. An dieser Stelle muss man sich als Investor mit Analystenmeinungen, Brancheneinschätzungen und dem eigenen Bauchgefühl auseinandersetzen.

Das Problem der Piraterie ist jedoch ein für Premiere immer noch ungelöstes. Mit eigenen TV-Karten und von Crackern bereitwillig verbreiteter Software konnten Schwarzseher schon immer die Verschlüsselungssysteme knacken. Auch der häufige Wechsel der verwendeten Systeme konnte dies nicht verhindern. Mit der zunehmenden Verbreitung von Breitband-Internet passiert es zudem immer häufiger, dass Premiere-Abonnenten – oder gar Schwarzseher – das empfangene Programm über Online-Streaming-Portale anderen gratis anbieten. Nach dem aktuellen Stand der Technik und des Rechts ist das Auffinden der Beteiligten schwierig bis unmöglich, so dass das Geschäftsmodell von Premiere massiv untergraben wird. Gleichzeitig ignoriert oder verkennt der Vorstandsvorsitzende dieses Problem, wie das Zitat von oben zeigt.

Man kann also zusammenfassen, dass die Aussichten für Premiere extrem unsicher sind. Analysten gehen auch für 2009 wieder von einem Verlust aus. Für einen Investor, der sich strikt nach Value-Prinzipien richtet, kommt die Premiere-Aktie nicht einmal ansatzweise in Frage.